Es scheint, als drehe sich die Erde von Tag zu Tag schneller, jedenfalls finde ich immer weniger Ruhe. In diesem Moment habe ich so viele Ideen in meinem Kopf: mit welcher Kunst ich mich beschäftigen sollte, worüber ich im Blog schreiben sollte, was ich heute Abend essen sollte, welche Parties und Ausstellungen ich in den nächsten Wochen besuchen sollte. Mein Kopf führt sich auf wie in einer manischen Episode oder zumindest so, wie ich vermute, wie sich das anfühlen mag.

Leider hab ich auch weniger Zeit als sonst, sei’s drum, ich bin im Moment eh zu wankelmütig um eine dieser Ideen in die Tat umzusetzen. Das Sommersemester hat gerade erst begonnen, so auch das Forschungspraktikum. Es ist ziemlich gelassen: Um neun Uhr aufkreuzen und wieder gehen, wenn es nichts mehr zu tun gibt, was stets recht früh ist, weil all die Labortests und -prozeduren ziemlich viel Zeit benötigen. Daher läuft das Praktikum bisher auch ziemlich ruhig ab. Wie auch immer, irgendwie vermisse ich den üblichen Universitätskram. Auf dem Campus sein, Freunde treffen und überhaupt mal was tun.

Übrigens habe ich jetzt einen Studentenjob: Wir bieten POL-Kurse (ProblemOrientiertes Lernen) für unsere Kommilitonen an und ich bin mir sicher, dass das ein großer Spaß wird! Am Mittwoch treffe ich mich erstmals mit meinr Gruppe und bin schon ganz gespannt!

Übrigens lerne ich immer noch Schwedisch. Es wird langsam schwieriger, ich komme immer noch nicht so recht mit dem Präteritum klar. „Jag köpte en liten kanelbullen. Den blev fyrtio kronor femtio. Den var så dyr!“ (Die Bedeutung ist übrigens ziemlich sinnlos.) Ich glaube, ich sollte irgendwann anfangen, auch auf Schwedisch zu bloggen, vielleicht zum Ende dieses Semesters. Lediglich zum Üben, ich glaube nicht, dass irgendein Schwede diesen Blog liest. (Falls doch, wer bist du, Fremder aus deinem so schönen Lande?)

Wie man sieht geht es dieses Semester recht geschäftig zu. Und zu allem Überfluss werde ich wöchentlich Kunstgeschichte-Vorlesungen besuchen. Phänomenal.


Current mood: Manic. Amphetamines would definitely kill me right now.
Currently listening to: Akira Yamaoka - Claw finger




Was die wenigsten von euch wissen: Ich habe nepalesische Wurzeln. Naja, das stimmt nicht ganz, es sind eher süd-tibetische, aber das ist im Himalaya eh so eine Sache. So erklärt es sich auch, dass ich noch vor dem Medizinstudium der Familientradition entsprechend einst in den Stand eines Sherpas erhoben wurde, was eine ziemlich zeitraubende Angelegenheit war, wenn man bedenkt, dass das zugehörige Diplom erst nach sechs Jahren (für mich neben dem regulären Schulunterricht stattfindendem) Studium erreicht wird und man bis dahin wenigstens neun Siebentausender und drei Achttausender des Himalayas mindestens einmal bestiegen haben muss. (Das waren dann die Semesterabschlussprüfungen.)

Und weil ein Sherpa-Diplom allein noch nicht viel wert ist – denn das könnte ja jeder – habe ich mir eine Zusatzbezeichnung „Dolmetscher: Yeti – Deutsch – Yeti“ verdient. Das kann man in zwei Jahren an der VHS Kathmandu erreichen, ist allerdings keine große Angelegenheit, der Yeti-Dialekt ist doch recht primitiv. So positioniert man sich halt auf dem stetig rauher werdenden Sherpa-Arbeitsmarkt.

Mittlerweile bin ich Student der Medizin und in meinen Ferien jobbe ich in meinem alten Beruf und führe halt Leute auf Berge hoch und wieder runter. Das gibt ein gutes Geld, kann ich euch sagen, nur muss man leider dafür einiges in Kauf nehmen.

Damit die reichen Amerikaner und Europäer auch mit Fotos vom Gipfel wieder pünktlich am Flughafen Kathmandu stehen, ist es meine Aufgabe als Sherpa, das oftmals unsportliche und schlecht vorbereitete Klientel irgendwie auf die Spitze zu bringen. Und wenn ich sie tragen muss (diese Eventualität ist sogar im Arbeitsvertrag geregelt). Tragen muss ich ja eh alles, was so eine Expedition mit sich schleppt: Zelte, Sauerstoffflaschen, Rucksäcke, Essenspakete, erschöpfte Yaks und natürlich die ganze Fotoausrüstung. Amerikaner nehmen auch gerne ihre Campingtoilette mit, damit sie auch in der Todeszone auf nichts verzichten müssen. Dieses übel riechende Plastikklosett hochzuhieven ist freilich wieder mal meine Aufgabe.

Aber ich mache meinen Job gern. Man bleibt fit, hat immer den Gipfel vor Augen und hat wohl den schönsten Arbeitsplatz in ganz Khumbu. Naja, das wäre eigentlich das Bezirkskrankenhaus in Namche Bazar, aber man darf ja noch träumen.

Heute Nachmittag geht es wieder los, da kommt eine große Reisegruppe aus Deutschland nach Nepal. Sind wohl wie ich gehört habe alles Anfänger. Kein gutes Zeichen. Anfänger erschöpfen schneller und haben auch mehr Gepäck. Fön, Rasierapparat, Badesachen – solche Dinge darf ich dann wieder hoch- und runterschleppen. Immerhin sind das wohl alles Ärzte, Krankenschwestern und solche Sachen. Die sind hoffentlich nicht so zimperlich, wenn dem ersten die Zehen amputiert werden müssen. Ich jedenfalls habe mein chirurgisches Notfallbesteck immer dabei.


Current mood: Aufbruchstimmung
Currently listening to: Liars - The other side of Mt. Heart Attack