Das zweite Semester ist – zumindest was den Veranstaltungskalender angeht – schon wieder vorbei und Mittwoch und Freitag warten praktische und schriftliche Prüfung auf mich. Ich lernte einiges über Atmung, Pflege (ja, ich weiß auch nicht wozu) und Verdauung bzw. den Stoffwechsel; und noch mehr als das Gelernte scheint prüfungsrelevant zu sein. Und dennoch, obwohl die Prüfungsvorbereitung in die letzte heiße Phase übergeht, sitze ich jetzt hier und trödel rum, statt mir gewissenhaft die einzelnen Typen der Hyperlipoproteinämie oder diverse parasitäre Erkrankungen einzuhämmern. Mut zur Lücke. Ist eh meine Devise was dieses Semester angeht. Naja, eigentlich auch schon im letzten…
Mit dem scheidenden Semester löst sich allerdings auch meine POL-Gruppe (manche erinnern sich, die Seminargruppe von sechs Mann) auf, mit der ich nun ein ganzes Jahr lang den Studienalltag bestritten habe. Ab Oktober wird jedes Semester ein Mal bunt durchgewürfelt, sodass immer wieder Schwung rein kommt. Dennoch, meinen Ruf habe ich mittlerweile weg. Man vergleicht meine Art mittlerweile offen mit der des größten Patientenlieblings auf Gottes Erden, Dr. Gregory House. Bedauerlicherweise nur bisher noch nicht mit seiner Genialität.
Ganz unbegründet ist es ja nicht… In den Montags-POL-Sitzungen, wo wir einen schriftlichen Patientenfall bearbeiten, bot sich ja genügend Gelegenheit zu einem Urteil. Da erinnere ich mich an den einen POL-Fall im vergangenen Semester, wo ein 12jähriges Mädchen mit schwerwiegenden Durchfällen stationär aufgenommen werden musste, weil ihr Wasser- und Elektrolythaushalt völlig aus dem Ruder war. Die Anamnese lief da über die Mutter, wobei raus kam, dass diese alleinerziehend war und noch sechs weitere Kinder zu umsorgen hatte. Mein Einfall war es, das Jugendamt einzuschalten. Nicht sehr rühmlich, aber immerhin war ich in Sorge.
Auch habe ich häufiger Patientenaussagen offen in Frage gestellt oder genaustens nachgehakt, wenn es um Alkohol- und Drogenkonsum, häufig wechselnde Sexualkontakte oder unsachgemäße bzw. unregelmäßige Medikamenteneinnahme ging. Allerdings hatte ich immer einen Grund dazu.
Naja und dann habe ich mich ja auch häufig aufgeregt, dass die Patienten erst nach monatelangen Beschwerden in die Rettungsstelle kommen (Notfälle halt) oder, ganz im Gegenteil, wegen kleinster Wehwehchen auftauchen.
Macht mich das denn gleich zum Dr. House? Keine schöne Vorstellung, mal einen solchen Arzt abzugeben. Entsprechend ausgemalt wurden diese Szenarien auch schon. Mancheiner sieht mich (wenn auch vielleicht im Scherze) als arroganter Oberarzt, der sich nicht um die Patienten kümmert, weil die „langweilig“ wären. Naja gut, mit der entsprechenden Expertise eines House würde das auch nicht allzu oft eintreten, trotzdem ist das kein herzerwärmender Gedanke.
Bin ich echt so griesgrämig? Zugegeben, ich bin misstrauischer und zweifelnder als andere, aber doch nur, um nichts zu übersehen und alle Eventualitäten im Blick zu behalten. Andererseits: Wenn ich bisher bei meinem Lehrarzt oder in den Übungen und Praktika mit „echten“ Patienten Kontakt hatte, fand ich mich doch stets aufmerksam und empathisch. Und auf den täglich in der Praxis erscheinenden, hypochondrischen alten Herren bin ich sogar voll eingegangen und hab mich seiner subjektiven Wirklichkeit angeschlossen. Ich finde, das macht mich noch nicht zum misanthropischen Aas eines Gregory House.
Gehört es vielleicht dazu, solche Gedanken zu haben? Und vielleicht auch mal auf den Putz zu hauen, wenn der Verdachtsmoment gegen den Patienten erhoben werden muss?
Current mood: Nachdenklich. Zumindest ein wenig.
Currently listening to: Bob Marley - Concrete Jungle


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