Was die wenigsten von euch wissen: Ich habe nepalesische Wurzeln. Naja, das stimmt nicht ganz, es sind eher süd-tibetische, aber das ist im Himalaya eh so eine Sache. So erklärt es sich auch, dass ich noch vor dem Medizinstudium der Familientradition entsprechend einst in den Stand eines Sherpas erhoben wurde, was eine ziemlich zeitraubende Angelegenheit war, wenn man bedenkt, dass das zugehörige Diplom erst nach sechs Jahren (für mich neben dem regulären Schulunterricht stattfindendem) Studium erreicht wird und man bis dahin wenigstens neun Siebentausender und drei Achttausender des Himalayas mindestens einmal bestiegen haben muss. (Das waren dann die Semesterabschlussprüfungen.)

Und weil ein Sherpa-Diplom allein noch nicht viel wert ist – denn das könnte ja jeder – habe ich mir eine Zusatzbezeichnung „Dolmetscher: Yeti – Deutsch – Yeti“ verdient. Das kann man in zwei Jahren an der VHS Kathmandu erreichen, ist allerdings keine große Angelegenheit, der Yeti-Dialekt ist doch recht primitiv. So positioniert man sich halt auf dem stetig rauher werdenden Sherpa-Arbeitsmarkt.

Mittlerweile bin ich Student der Medizin und in meinen Ferien jobbe ich in meinem alten Beruf und führe halt Leute auf Berge hoch und wieder runter. Das gibt ein gutes Geld, kann ich euch sagen, nur muss man leider dafür einiges in Kauf nehmen.

Damit die reichen Amerikaner und Europäer auch mit Fotos vom Gipfel wieder pünktlich am Flughafen Kathmandu stehen, ist es meine Aufgabe als Sherpa, das oftmals unsportliche und schlecht vorbereitete Klientel irgendwie auf die Spitze zu bringen. Und wenn ich sie tragen muss (diese Eventualität ist sogar im Arbeitsvertrag geregelt). Tragen muss ich ja eh alles, was so eine Expedition mit sich schleppt: Zelte, Sauerstoffflaschen, Rucksäcke, Essenspakete, erschöpfte Yaks und natürlich die ganze Fotoausrüstung. Amerikaner nehmen auch gerne ihre Campingtoilette mit, damit sie auch in der Todeszone auf nichts verzichten müssen. Dieses übel riechende Plastikklosett hochzuhieven ist freilich wieder mal meine Aufgabe.

Aber ich mache meinen Job gern. Man bleibt fit, hat immer den Gipfel vor Augen und hat wohl den schönsten Arbeitsplatz in ganz Khumbu. Naja, das wäre eigentlich das Bezirkskrankenhaus in Namche Bazar, aber man darf ja noch träumen.

Heute Nachmittag geht es wieder los, da kommt eine große Reisegruppe aus Deutschland nach Nepal. Sind wohl wie ich gehört habe alles Anfänger. Kein gutes Zeichen. Anfänger erschöpfen schneller und haben auch mehr Gepäck. Fön, Rasierapparat, Badesachen – solche Dinge darf ich dann wieder hoch- und runterschleppen. Immerhin sind das wohl alles Ärzte, Krankenschwestern und solche Sachen. Die sind hoffentlich nicht so zimperlich, wenn dem ersten die Zehen amputiert werden müssen. Ich jedenfalls habe mein chirurgisches Notfallbesteck immer dabei.


Current mood: Aufbruchstimmung
Currently listening to: Liars - The other side of Mt. Heart Attack



4 Kommentare zu “Mein Ferienjob als Reiseführer”

  1. 1
    beate schrieb am 02.04.2010 um 23:31:

    jeder job hat so seine vor und nachteile. ich finde es gut das du durch hältst und es dir trotz der unangenehmen sachen, noch/auch spaß macht.

    grüße beate


  2. 2
    Earl Mobile schrieb am 02.04.2010 um 23:38:

    Auf den Link geklickt bzw. die ganze Geschichte auf monsterdoc.de verfolgt hast du aber schon, oder?
    (Das ist eher so eine fiktive Geschichte zur allgemeinen Belustigung, siehe dort. Mein eigentlicher Job beinhaltet Tutorentätigkeit für andere Studierende…)


  3. 3
    chefarzt schrieb am 05.04.2010 um 12:42:

    Morgen ist endlich Abfahrt nach Tibet, per Bus und Jeep. Du bist dann der wichtigste Mann auf unserer Nordrouten-Expedition zum Gipfel des Everest (Der Khumbu-Eisbruch der Südseite ist einfach zu gefährlich!). Danke schon mal.
    Es sind aber nicht nur unerfahrene Bergsteiger dabei. Einige haben schon Achttausender bestiegen. Und ich für meinen Teil bleibe sowieso im Basislager und „chille“ im Café Medizynicus …


  4. 4
    Earl Mobile schrieb am 05.04.2010 um 12:55:

    Eine gute Nachricht! Das heißt dann für mich, dass ich zumindest auf einige Teilnehmer der Expedition kein achtsames Auge werfen muss. Bei den Neulingen weiß man ja nie, über welchen Abgrund die sich als nächstes lehnen.


Kommentieren